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 Ein Blick in die Archäologie an der Grabungsstätte des Braunkohlereviers in Schöningen

Eine Exkursion des Fördervereins des Naturkundemuseums Dortmund am 23. Juli 2017

Zeitlich bedingt erfolgte die Anfahrt der Exkursionsgruppe des Fördervereines des Naturkundemuseums Dortmund vom Jurameer in Schandelah zur jüngeren Erdgeschichte und Archäologie in Schöningen über Autobahn und Bundesstraße. Durch die Konzentration auf die Straße war für die blühende Landschaft zwischen den „salzgehobenen“  Höhenzügen  Durm, Lappwald und Elm kein Blick frei.


Und dann taucht  es nach der Ortsdurchfahrt durch Schöningen auf, das Paläon. Unübersehbar, die Konzentration  und einen Besuch  herausfordernd.

 Das Palaeon


Bereits im Umfeld des Museums ist ein großes Areal mit Bezug zur Archäologie hergerichtet worden. Leider lenkt der Parkscheinautomat mit der meisterhaften Software davon ein wenig ab.

Die Außenhaut des riesigen Museumsblockes ist mit rostfreiem Blech verkleidet. Die Landschaft spiegelt sich an der Außenhaut. Das ist das, was der Architekt wohl auch beabsichtige. Das ist gelungen und das Konzept geht auf. Kunst ist immer auch eine Herausforderung. Auch wenn es subjektiv gegebenenfalls anders beurteilt wird.

Nach einem entspannenden Besuch im ehrenamtlich von einer Stiftung betreuten Museumsrestaurant  holt Herr Hans Ulrich Kökeritz die Exkursionsgruppe  zur Besichtigung  der Braunkohlegrube und der archäologischen Grabungsstätte, die Schöningen durch einen Zufall weltberühmt gemacht hat, ab.

Mit festem Schuhwerk  und vorschriftsmäßiger Warnweste geht die Gruppe vorbei an farbenprächtigen Blumenwiesen, einer Pferdewiese mit Przewalski-Wildpferden -oder waren es vielleicht Haflinger, einer Steppenwiese  etc. zur Braunkohlegrube mit der prähistorischen Grabungsstätte.


  Auf dem Weg in die Braunkohlegrube  Eine Pferdekoppel im Hintergrund
  A Rand der Braunkohlegrube

Die Braunkohle hat ihren Ursprung im tropischen Klima des Eozäns, große Palmwälder wurden im Sattel zwischen Helmstedt und Schöningen durch Sedimente  abgeschlossen und sind zwischenzeitlich zu Braunkohle in großer Mächtigkeit inkohlt.

In großem Maße wird Braunkohle seit 1984 industriell im naheliegenden Kraftwerk Buschhaus genutzt. Nach Inbetriebnahme einer  Rauchgasentschwefelungsanlage konnte  auch die schwefelhaltige Salzkohle aus dem  Schöninger Tagebau verfeuert werden. Der Betrieb des 2013 von E.On an die tschechische MIBRAG veräußerten Kraftwerks wurde 2016 eingestellt, ursprünglich war eine Laufzeit bis 2030 vorgesehen.  Ab Oktober 2016 steht das Kraftwerk gemäß Beschluss der Bundesregierung  für 4 Jahre als  Reservekraftwerk bereit. Allerdings: woher die Kohle nehmen. Der Betrieb der Tagebaus Schöningen ist im September 2016 eingestellt worden, die im für den Kraftwerksbetrieb erforderliche Braunkohle- Reserve war parallel dazu gleichfalls im September 2016 aufgebraucht.


Braunkohlefeld und Kraftwerk Buschhaus Die Grube
 

Die Exkursionsgruppe schaut entsprechend auf einen nicht mehr in Betrieb befindlichen Braunkohle- Tagebau. Eine mächtige Grube ist zu sehen. In der Sohle steht schon ein wenig Wasser, die Pumpen zur Entwässerung wurden bereits abgestellt.  Die Grube hat natürlich nicht nur Braunkohleflöze  enthalten. Die Kohleflöze waren unter Deckschichten mit jüngeren Sedimenten gelagert, die Flöze selbst sind durch Sedimentschichten getrennt. Die Horizonte auf der anderen Seite der Grube lassen dies erkennen.  Zur Förderung von 1000 t Kohle war ein Abraum von 80000 m³ erforderlich. Die Tagesförderung betrug ca. 8000 t Kohle.

Das Braunkohlefeld wurde seinerzeit durch die innerdeutsche Grenze getrennt. Auf beiden Seiten wurde abgebaut.

Mit Ausnahme einer Reihe von Transportfahrzeugen und einiger Baubuden  ist der Maschinenpark inklusive der riesigen Braunkohlebagger bereits entfernt. Die zukünftige Nutzung der Grube für Freizeit, Kultur  und Natur ist noch nicht abschließend abgestimmt.

  Blick auf das grabungsfeld

Die Exkursionsgruppe steht aber nicht nur am Rande einer Braunkohlegrube, sondern auch im Uferbereich eines heute verlandeten prähistorischen Sees von 1-2 km Länge und 200 -400 m Breite, der sich im Zuge der Gletscher -Schmelze der Elster-Eiszeit (vor ca. 400000 bis 320000 Jahren) gebildet hat. Mächtige Zuflüsse speisten den See mit Sedimenten unterschiedlicher Färbungen, jede der nachfolgenden Warmzeiten und Eiszeiten hinterließ ihre Spuren.

Das alles wäre heute nach außen kaum bekannt, wenn  nicht die „Macht des Schicksals“ ein positives Zeichen gesetzt hätte. 

Prähistorisch war das Braunschweiger Land rund um den Elm schon immer interessant. Im Zuge des Baues des Kraftwerks Buschhaus  wurden beispielsweise in einer im 6. Jahrtausend v.Ch. errichteten Siedlung u.a. viele Werkzeuge, Tonscherben usw. gefunden. Besonders der Geologe Hartmut Thieme zeichnete sich hier durch Grabungen aus. Thieme war immer auch im Braunkohlerevier Schöningen als archäologischer Grabungsleiter tätig, soweit nicht der Braunkohlebagger vor seinen Augen die Schichten abgeräumt hat.

Am Donnerstag, 20. Oktober 1994 streikte der Bagger und konnte über das Wochenende nicht repariert werden und nicht mehr räumen. Es war Thiemes großes Verdienst, dass er ein Stück Holz sofort als etwas Besonderes einordnete. Man entnahm einen Block,  wertete in aus und fand unter anderem einen Speer. Ein prähistorisches Fenster hatte sich geöffnet, denn Auswertungen des Bodens wiesen das Alter der Speere mit ca. 300000 Jahren aus. Das war die Zeit zwischen der Elster-Eiszeit und der Saale-Eiszeit.
Die Betreiber des Braunkohle-Tagebaus und  die Archäologen konnten sich   dahingehend verständigen, dass in diesem Uferbereich des damaligen Sees keine Braunkohle mehr abgebaut wird und hier archäologische Untersuchungen stattfinden konnten und weiterhin können. Schöningen wurde und ist  eine der 10 wichtigsten Forschungsstellen für die Prähistorik auf der Erde.

Vieles wurde zwischenzeitlich gefunden. Knochen unterschiedlicher Tiere bis hin zum Elefanten, Pferdeköpfe,  der Zahn einer Säbelzahnkatze, der Stoßzahn eines Elefanten, Eierschalen von Wasservögeln, Pflanzensporen usw. Daneben die 9 Speere, eine Stoßlanze, 2 Wurfhölzer, die Bearbeitungswerkzeuge und die Bearbeitungsspuren an Knochen, die ein Bild von den damals hier lebenden  Menschen liefern und die diesbezügliche Wissenschaft ein wenig auf den Kopf gestellt haben.

Menschliche Knochen wurden - zumindest bisher - hier nicht gefunden. Aber auch keine Siedlungsspuren. Der See war wahrscheinlich nur Jagdrevier zur Jagd auf Przewalski-Wildpferde,  ggf. auch auf Elefanten. Die Menschen haben sich nachts in weiter entfernt liegende Regionen zurückgezogen. Der Fund des Zahns einer Säbelzahnkatze lässt dies erahnen, die hatte im sumpfigen Gelände nachts ihre Vorteile.

Herr Kökeritz steigt mit der Exkursionsgruppe  vom Rand der Grube zur Grabungsstätte ab. Beginnend mit der Stelle, an der Hartmut Thieme den ersten Speer gefunden hat. Neben dem  Schädel eines Przewalski-Wildpferdes und dem Stück eines Pferdewirbels.  Ein sogenannter Zeugenblock wurde stehen gelassen, der die Originalschicht der bereits untersuchten und abgetragenen Schichten dieser Grabungsabfolge belegt.  
 

  An der Fundstelle der Speere Der zeugenblock
  


Im Anschluss an die Begehung dieser Urzelle der Grabung  beginnt für die Exkursionsgruppe die Besichtigung des aktiven Grabungsbereiches.  Exakt  abgestochene Horizonte und wissenschaftliche Vermessungspunkte und Beschilderungen markieren den Grabungsbereich.  Was abgetragen wurde, ist grundsätzlich weg; abgetragen heißt aber nicht, dass das Material zwingend verloren ist. Es wird gesiebt,  geschlämmt und gut dokumentiert in Säcken gelagert. Dadurch ist nachträgliche Analyse, z.B.  von Mikroben, weiterhin möglich.

Gegraben wird in fünf Erdschichten, die durch die wechselnden Verlandungszonen der Eiszeiten eingeteilt sind.  Die unterste Schicht kennzeichnet die Grundmoräne der Elster-Eiszeit, sie bildet den Boden des Sees über den die Braunkohle führenden Schichten des Eozäns.  Darüber folgt die Schicht der  Grundmoräne der Saale- Eiszeit, in deren Schicht im Uferbereich die Schicht eingelagert ist, die die Zeit der ca. 20000 Jahre zwischen der Elster-Eiszeit und der Saale-Eiszeit dokumentiert.  Das ist die Schicht, in der die Speere gefunden wurden. Die Schicht darüber repräsentiert die Schicht der Warmzeit  zwischen der Saale-Eiszeit und der Weichsel-Eiszeit bzw. wesentlich der Weichsel-Eiszeit.  Darüber liegt die Schicht unserer heutigen Warmzeit.


   Im aktiven Grabungsbereich Kennzeichnung der Schichten


Die oberste und die zweite Schicht haben eine Mächtigkeit von ca. 10- 15 m. Farblich sind die Schichten sind durch die Farbe der Sedimente gekennzeichnet. Die See-Sedimente haben hellere Schichten gebildet. Die dunkleren Schichten sind durch die Sedimente gebildet worden, die vom Uferbereich durch die gewaltigen Urströme eingeschwemmt wurden. Kamen so auch die Speere ins Wasser oder wurde nur im Uferbereich gejagt? Die Frage ist nicht abschließend geklärt, es gibt keinen Augenzeugen mehr.

Archäologische Funde gibt es –zumindest bisher- nur aus der Warmzeit vor 300000 Jahren. Die damaligen schnellen Sedimentierungen und die Bedingungen des Sees ohne Sauerstoff bildeten die Grundlage für die Erhaltung der Artefakte.      
     


 Die Färbung der Schichten


An einer Grabungsstelle demonstriert Herr Kökeritz die Mühe der grabenden Archäologen. Hier ist beispielhaft der Kopf eines jungen Wildschweines und das Schulterblatt eines Pferdes ausgelegt worden. Erschlossen wird im m³-Block, dokumentiert durch Zeichnungen nach Vermesser-Art und durch digitale Aufnahmen. Zunächst wird grob mit dem Spaten vorgegangen, später immer mehr verfeinert durch diverse Spachtel und Pinsel bis hin zur Pinzette. Der Abraum wird eimerweise gesiebt und ggf. geschlemmt. Alles mit exakter Dokumentation. Eine akribische Arbeit, die man nicht so nebenbei erledigt und die auch Freude und Begeisterung für die Tätigkeit dokumentiert. Mehrere Forscherteams sind im Einsatz, die sich je nach wissenschaftlicher Ausrichtung mit speziellen Auswertungen beschäftigen.

Die demonstration einer Fundstelle Vermessungsakte

Die Exkursionsgruppe bewegt sich langsam wieder aufwärts steigend weiter.  An einer Stelle weist Herr Kökeritz auf die hinter einem Grabungszelt verborgene Fundstelle des am13.08.2015 geborgenen Stoßzahnes eines Waldelefanten hin. Ein sensationeller Fund.

Noch sensationeller an einer Grabungsstelle, an der man es eigentlich nicht mehr vermutet, die Fundstelle des Zahns einer Säbelzahnkatze bzw. Säbelzahntigers. Die Archäologen hatten diesen Tiger eigentlich als ausgestorben betrachtet. 

 Die Stelle des Elefantenzahnes Hier war der Tiger


An dieser Stelle ist auch die Zeit für die Exkursionsgruppe gut  vorangeschritten. Zu gut, die Exkursionsgruppe muss sich zügig auf den Rückweg begeben. Der nächste Termin mit Dr. Ulrich Hoger steht auf dem Programm.

Aber zunächst ist Herr Kükeritz wichtiger. Die Exkursionsgruppe bedankt sich mit herzlichem Beifall für die gelungene Führung durch das Braunkohlerevier Schöningen.


 Der Rückzugb


Weblinks

Ein Film über den Fund des Elefanten-Stoßzahnes

Ein Film über die Grabungsstätte und das Museum

Ein Film: Przewalski-Pferde: Die letzten echten Wildpferde




Letzte Änderung: 25.08.2017