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 Ein Besuch der Grabungsstätte des Naturhistorischen Museums Braunschweig im Jurameer  bei Schandelah

Eine Exkursion des Fördervereins des Naturkundemuseums Dortmund am 23. Juli 2017

Der „Geopunkt Schandelah“ ist eine Grabungsstätte im „Geopark Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen“. Man erreicht die Grabungsstätte  gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad.  Mit  dem Auto benötigt man Insiderkenntnisse und ein wenig Mut, um den Feldweg  zu finden und vorbei an bunten Wiesen und gut bestellten Feldern  zur Grabungsstätte zu gelangen. Die Wiesen spiegeln die Schauwiese im Entdeckersaal des Naturhistorischen Museums wieder.  Insiderkenntnisse und Mut  hatte die Exkursionsgruppe des Fördervereins des Naturkundemuseums Dortmund am zweiten Exkursionstag der Exkursion zum Naturhistorischen Museum Braunschweig und konnte Dr. Ralf Kosma, der die   pünktlich bis  09.00 Uhr eintreffende  Gruppe bereits erwartete, herzlich begrüßen. Besonders wurde natürlich der frühere Kollege Jan Ilger begrüßt.  


Aus der Großstadt des ersten Exkursionstages in die freie Natur des zweiten Exkursionstages, das erzeugte eine besondere Atmosphäre.

  Der Geopunkt Schandelah Dr. Ral Kosma 


Dr. Ralf Kosma stellte sich als welterfahrener Paläontologe  vor. Er hat mehrere Jahre  die Ausgrabung des Spinophorosaurus am Niger begleitet und mit dazu beigetragen, dass dieser Fund in Absprache mit den kommunalen Vertretern der Tuareg  im Naturhistorischen Museum aufgestellt werden konnte. Er hat gleichfalls mehrere Jahre in der Morrison- Formation in Wyoming  gegraben. Sein stratigraphischer Schwerpunkt liegt somit  im Oberjura, derzeit  ist seine Zeit aber das Unterjura im Posidonienschiefer (Lias Epsilon) von Schandelah und Hondelage.  Dieser Schiefer ist weltbekannt durch z.B. das süddeutsche Becken um Holzmaden und  das Yorkshire-Becken in England, das niedersächsische Becken in der Region um Braunschweig ist öffentlich derzeit mehr regional bekannt.  Wissenschaftlich hat es aber bereits einen hohen Stellenwert.


Bereits am ersten Grabungstag der in  2011 beginnenden Grabung wurde in Hondelage der im Naturhistorischen Museum zu bewundernde  Ichthyosaurier gefunden.  Die Fundstelle in Hondelage wird weiterhin systematisch erforscht,  wesentlich durch den Präparator des Museums, Sebastian Radecker, mit Unterstützung  ehrenamtlicher Helfer des Fördervereins.

 
Nach längerer Vorbereitungszeit begann 2014 die systematische Grabung in Schandelah. Die Geologen kennen ihren Untergrund genau und wissen, wo sie anzusetzen haben. Jedoch bestimmen zunächst  die kommunalen Vertreter, die privaten Besitzer und auch die Naturschutzverbände, ob nach den im Boden verborgenen Schätzen der Jahrmillionen der Erdgeschichte gesucht werden darf.  


     An der ersten potentiellen Grabungsstätte
 

Ralf Kosma führte die Exkursionsgruppe zu zwei potentiell  möglichen  Grabungsstätten,  die aber  -zumindest derzeit- als Grabungsstätte nicht genutzt werden bzw. nicht genutzt werden können.


Die erste Stelle wäre die ideale Stelle für Grabungen und sicherlich exklusive Funde des hier im Untergrund liegenden Posidonienschiefers (Lias Epsilon) gewesen.  Das hier nahe an der Erdoberfläche stehende Grundwasser wäre aufgrund der Höhenlage des Feldes  kein Problem gewesen. Gescheitert ist die Grabung an einer Wildbrücke, die hier beginnt und über die nahe Autobahn Wolfsburg – Kassel führt.  Aktivitäten an dieser Stelle und die resultierende Grube hätten die ohnehin schon stark verunsicherten Tiere in zu starkem Maße ergänzend beeinträchtigt.  Der Besitzer der Wiese hatte dank der Unterstützung der Scheller-Stiftung bereits seine Zustimmung zur Grabung gegeben.
  

  Auf dem Weg zur zzweiten potentiellen Grabungsstätte Die zweite potentielle Grabungsstätte
 

Die zweite Stelle erreichte die Gruppe nach einem zwar kurzen,  aber erfrischenden Waldspaziergang.  Hier wären die Eigentumsverhältnisse dank der Scheller-Stiftung kein Problem gewesen.  Auch die Aspekte des Naturschutzes hätten die Grabung nicht verhindert. Aber die Infrastruktur und die zu erwartenden Grabungsumstände haben das Team des Naturhistorischen Museums veranlasst, auf dieses Waldstück als Grabungsstelle zu verzichten. Für das Braunschweiger Team sind neben dem Aspekt der paläontologischen Erkundung auch die Aspekte der naturkundlichen Erkundung und die der museumspädagogischen  Erkundung wichtig.  Die naturkundliche Erkundung steht in diesem Waldstück im Vordergrund. Auch um wissenschaftliche Erkenntnisse über Wiederaufforstungen nach Grabungen zu gewinnen. Ein Fichtenwald ist z.B. abgeholzt  und mit Bäumen wieder aufgeforstet worden,  welche  die  Widerstandsfähigkeit im Zuge der sich abzeichnenden Klimaveränderungen nachweisen könnten.  Biotope, Amphibien, Lurche, Vögel, Insekten usw. werden wissenschaftlich erforscht. Flora und Fauna, die eigentlich schon ausgestorben ist, soll ggf. wieder angesiedelt werden. Einiges ist bereits in der Natur „wiederentdeckt“  worden. Die Natur entdeckt sich immer wieder neu, man muss ihr nur eine Chance geben.


Der Posidonienschiefer wäre auch hier unter einer nur ca. 1m starken,  eiszeitlich geformten Deckschicht schnell erreicht worden. Normalerweise ist der Posidonienschiefer in Niedersachsen einige hundert Meter tief im Untergrund von Schichten  des Oberjura, der Kreide sowie des Känozoikums überdeckt. Aber unter den Schichten des  Jura-Meeres lagern die Salz-Schichten des  Zechstein-Meeres. Die besondere Wirkung dieses Salzes bei differenzierten Temperaturen führte zur Halogenese und Salztektonik mit der resultierenden Erhebung in dieser Region, die auch den Elm gebildet hat. Dadurch erreichten die Jura-Schichten hier quasi als „Oberjura-Fenster“ die Oberfläche und wurden in der Eiszeit noch einmal geformt und geglättet, praktisch vorbereitet für wissenschaftliche Exkursionen.  Die Wurzeln der Bäume, dies ist erforscht worden, können mit dem „Ölzeugs“ des Unterjura nichts anfangen und wurzeln lieber flacher weiter, insofern würden Baumwurzeln Grabungen nicht weniger erfolgreich machen.

 Die Grabungsstätte in vollem Umfang   

Nach Besuch der beiden potentiellen Grabungsstätten geht die Exkursionsgruppe zurück zum Ausgangspunkt  und damit zur aktuellen  Grabungsstätte Schandelah. Einige Steinbruch-Erprobte  Exkursionsteilnehmer sind ein wenig überrascht über die im Verhältnis geringen Ausmaße der Grabungsbereiches.


So einfach graben konnte man aber nicht. Zunächst waren Bäume zu roden (Sekundärwald, daher unkritisch für den Naturschutz). Danach, das ist eigentlich unglaublich, hat der menschliche Müll wie in der Ölschiefer-Grube Messel Probleme bereitet. In den 60/70-iger Jahren war hier eine Müllhalde, bis hin zum VW-Käfer musste alles als Sondermüll entsorgt werden. Gefahrstoffe wurden jedoch nicht gefunden.
Nach Rodung und Sondermüllentsorgung stieß man  dann relativ schnell auf  den Schandelah- Ölschiefer.

Oelschiefer-Horizonte
  


Gegraben wird von April bis Oktober. Drei Grabungskampagnen sind schon beendet (2014 – 2016) und haben großartige Funde ergeben. In 2017 ist das Wasser etwas hinderlich, dass auch heute in der Grube steht.  In den letzten Tagen hat es stark geregnet. Hier münden auch Drainagerohre ein, die zu einer zusätzlichen Belastung führen. Gegraben wird entsprechend nicht in der Sohle, sondern in höheren Bereichen.  Die Forschung geht weiter, auch  wenn die Teufe bald die Sohle erreicht, wo keine Fossilien mehr zu erwarten sind.  Nach Süden und Norden kann aber – auch dank der Scheller-Stiftung - beliebig weiter gegraben werden, der Sekundär-Wald ist von den Naturschutzverbänden nicht als zwingend erhaltenswert eingestuft. Zum Westen fallen die Schichten ab, das Ergebnis der Salztektonik ist hier deutlich zu erkennen.  In Braunschweig müsste man schon 150 m tief bohren.  
Am „Geologenwagen“ demonstriert Ralf Kosma  einige Funde. Zum Beispiel den Schädel eines Schnabelfisches Acidorhynchus brevirostris.  Die Zähne sind gut zu erkennen. Die Qualität der Funde in Schandelah ist sehr gut. Man muss natürlich das Handwerk des Präparierens verstehen. Bei Ichthyosaurier-Funden konnte der Mageninhalt bestimmt werden. Im September 2016 wurde der Fingerknochen eines Flugsauriers gefunden, ein sensationeller Fund. Der Flugsaurier Dorygnathus gehörte zur Gruppe der Langschwanzflugsaurier, die besonders im Unteren Jura die Lüfte beherrschte. 


Am Geologenwagen  die ausstellung Kopf des Schnabelfisches Fund gezeigt von Ralf Kosma


Viele Funde sind im Buch „Das Jurameer, Niedersachsens versunkene Urwelt“ von den Experten des Naturhistorischen Museums beschrieben. Ralf Kosma erläutert Einzelheiten aus dem Buch (Verlag Dr. Friedrich Pfeil, ISBN 978-3-89937-172-7).      
     


 Buch Das Jurameer

Schandelah lag zur Zeit des Jura-Meeres im Bereich einer Uferzone eines Flachmeeres mit schwankender Meerestiefe, im Mittelwert mit ca.  100 Meter Wassertiefe. Im einige km entfernten heutigen Ort Rottorf am Klei war schon ein Landbereich (in Rottorf am Klei befindet sich auch ein Stützpunkt des Geopark „Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen“) mit einem einmündenden Süßwasser-Strom. Wind und eingeschwemmte Sedimente des Flusses haben dafür gesorgt, dass in der Grabungsstelle Schandelah auch viele Pflanzenteile, Pollen und Sporen gefunden wurden: Koniferen, Baumfarn, Schachtelhalm … Selbst ein verästelter Baumstamm wurde freigelegt. Anlass genug, in Schandelah den dritten Aspekt der Forschungstätigkeiten, die museumspädagogische Ausbildung, als weiteren Schwerpunkt zu betreiben.  Schandelah als Lernort  für alle Altersstufen. Schulklassen wurden bereits eingeladen und wurden in einigen Stunden darüber informiert, was Paläontologie ist, was Erdgeschichte ist, wie sich alles verändert hat usw.  Betreut wird das Projekt von der museumspädagogischen  Abteilung des Naturhistorischen Museums Braunschweig. Geplant ist, zur Unterstützung der Lehrtätigkeit hier einen Pavillon zu errichten (die Genehmigung liegt bereits vor) und die Infrastruktur mit Augenmaß ein wenig anzupassen.
Die Kinder dürfen auch sammeln. Graben ist allerdings untersagt.  Aber man findet immer noch etwas. Die Paläontologen haben bereits so viele Exponate gefunden, dass sie sich bei der Suche darauf konzentrieren, was wissenschaftlich und museal wertvoll ist. Ammoniten usw. bleiben grundsätzlich unbeachtet und landen auf der Halde oder sie werden irgendwo abgelegt. Damit die Kinder etwas finden. Selbst im Abraum könnte man noch etwas finden, nicht jede Schicht kann untersucht werden. 


In Zusammenarbeit mit den Naturschutzverbänden wird auch an der Grabungsstelle Schandelah der Aspekt der naturkundlichen Erkundung  in den Vordergrund gestellt.  Wichtig sind aktuelle Forschung und die Entwicklung eines Landschaftsplanes für eine vielfältige Landschaft  nach der Grabungszeit. Die Halde hat sich zum Beispiel zwischenzeitlich zu einem Paradies für bestimmte Tierarten wie Eidechsen, Schafstelze etc. entwickelt, entsprechend könnte Halde die könnte integraler Bestandteil der zukünftigen Landschaft werden. Im Umfeld der Grabungsstelle sind Bäume gepflanzt worden mit Bezug zur Urzeit. Wie werden die sich entwickeln?  Ein spannendes Projekt.


Ein spannendes Projekt liegt auch vor der Exkursionsgruppe: Begehung der Grabungsstelle und der Halde. Ohne Geologenhammer, ausschließlich Auge und Hände dürfen als Werkzeug genutzt werden.

Zum Abschluss sind alle zufrieden. Irgendetwas hat jeder gefunden, und wenn es nur die Verbindung mit der einzigartigen Natur war.


 Die Exkursionsgruppe in der Grabungsstätte Die Exkursionsgruppe in der Grabungsstätte Die Exkursionsgruppe in der Grabungsstätte
Eine kleine Eidechse ein Fundstück

       
Herrn Dr. Ralf Kosma gebührt der herzliche Dank der Exkursionsgruppe, diesen einzigartigen Ort in seiner Einzigartigkeit präsentiert zu haben.

Zum Abschluss haben es dann alle eilig. Dr. Kosma macht  direkt im Anschluss eine Führung im Naturhistorischen Musem in Braunschweig, die Gruppe des Fördervereins fährt zu einer weiteren Exkursion nach Schöningen. 


Weblinks

Geopunkt Schandelah

Film zum Grabungsfeld Schandelah

Geopark Harz-Braunschweiger Land-Ostfalen

Hoffentlich nicht



 Letzte Änderung: 16.08.2017